„Erinnern heißt handeln.“ Dieser eindringliche Refrain prägt Martina Priessners eindrucksvollen Dokumentarfilm Die Möllner Briefe, der ein erschütterndes Kapitel der jüngeren deutschen Geschichte aufrollt. Im November 1992 kostete ein Brandanschlag von Neonazis in der Stadt Mölln drei Mitgliedern der Familie Arslan das Leben – Großmutter Bahide, Cousine Ayşe und der 10-jährigen Yeliz – und hinterließ beim jungen İbrahim Arslan körperliche und seelische Narben. Dreißig Jahre später entdeckt İbrahim Hunderte von vergessenen Solidaritätsbriefen, die von Fremden an die Familien der Opfer geschickt, aber aus unerklärlichen Gründen im Stadtarchiv begraben statt zugestellt worden waren.
Priessners Kamera begleitet ihn auf seiner emotionalen Reise, während er lokale Beamte mit diesem Verrat konfrontiert und schließlich Kontakt zu den Verfassern der Briefe aufnimmt, deren Stimmen zum Schweigen gebracht wurden. Mit zurückhaltender Kunstfertigkeit und unerschütterlicher Sensibilität verwandelt Priessner eine Geschichte des Traumas in einen dringenden Appell für Verantwortlichkeit, Solidarität und die anhaltende Kraft des kollektiven Gedächtnisses angesichts des zunehmenden Rechtsextremismus. (BH)
Martina Priessner ist Autorin und Regisseurin, die in Berlin und Istanbul lebt, und seit vielen Jahren zur Deutsch-Türkischen Migration arbeitet.