Masha Matzke & Paul Marie, The fusion of political and aesthetic radicalism in Helmut Herbst’s animated film practice
Der experimentelle Animations- und Dokumentarfilmemacher, Professor und Produzent Helmut Herbst (1934–2021) gilt als eine der Schlüsselfiguren des »Anderen Kinos« sowie als Wegbereiter im Kampf um den Erhalt des unabhängigen Films und der Frühgeschichte des Kinos. Herbst erklärte die Geschichte ästhetisch-politischer Aufstände zum Lieblingsthema seiner Filmpraxis, die er gemäß seinem Konzept der »animatorischen Freiheit« vordergründig als eine Form des Aktivismus definierte. In der Verschmelzung von gesellschaftlichem Protest und radikaler Kunst sah Herbst einen direkten Brückenschlag zwischen dem Berliner Dadaismus und dem »Anderen Kino« der 1960er Jahre. Für Herbst lag die Kraft beider Bewegungen in der Fähigkeit, radikale Umwälzungen im politischen Denken mit der Bildung neuer Sehgewohnheiten gleichzusetzen.
Das anschließende Programm gibt einen Einblick in Herbsts eindrucksvolle Zeichentrickarbeit sowie Legetricktechnik seiner ersten politischen Satiren, die nicht nur Papiercollagen, sondern ein politisch-ästhetisches Bewusstsein zu animieren versuchten. Ebenso wird Herbsts einzigartiges Trickfilmstudio cinegrafik vorgestellt, welches sich seit 2022 im Bestand der Kinemathek befindet.
Masha Matzke ist Filmrestauratorin, Forscherin und Kuratorin und ist aktuell als Filmrestuaratorin in der Deutschen Kinemathek tätig.
Paul Marie ist Filmarchivar in der Deutschen Kinemathek.
Leenke Ripmeester, Animation in a hurry – film drawings by Ton van Saane
Analoge Animationsfilme sind gern rasant und actionreich, der ihnen zugrunde liegende Arbeitsprozess ist aber das genaue Gegenteil. Den niederländischen Filmemacher Ton van Saane (1930–1973) hat das so frustriert, dass er eine Technik entwickelte, die die Spontanität des kreativen Prozesses gleich mit abbildete. Diese Herangehensweise nannte er »Filmzeichnungen«: Seine Geschichten entstehen gleichsam live vorm Auge des Publikums: Er zeichnet, radiert aus und setzt neu an, ähnlich einer filmischen Zaubertafel. Dabei nimmt er mit der Kamera ein Bild pro Sekunde auf, was bei einer Projektion von 24 Bildern pro Sekunde zu einer erheblichen Beschleunigung führt. So entstehen Filme, die den Filmemacher in hastiger Aktion zeigen! Doch auch die Zusehenden müssen sich an diese Eile anpassen, um bei den Zeichnungen und Geschichten Schritt halten zu können. Leenke Ripmeister präsentiert drei Werke von Van Saane und erläutert seine ganz eigenen Techniken.
Leenke Ripmeester ist Kuratorin am EYE Filmmuseum Amsterdam.
Tanz der Farben
Hans Fischinger, Deutschland, 1939, 8 Min.
Einführung von Thomas Worschech
Tanz der Farbenist ein abstraktes Spiel mit Farben, Formen und Musik: Bunte Punkte, Linien und Flächen bewegen sich im Rhythmus der Musik. Der Film ist der erste und einzige Film von Hans Fischinger, der die Jahre zuvor für seinen Bruder, den Zeichentrickpionier Oskar Fischinger, arbeitete. Der Kurzfilm feierte seine Premiere als Vorprogramm am 26. Februar 1939 und lief zwei Wochen mit großem Erfolg. Im Anschluss wurde der Film von der regimenahen Tobis Filmkunst GmbH gekauft und bis Kriegsende nicht mehr gezeigt.
Thomas Worschech ist Leiter des Filmarchivs und der filmtechnischen Sammlung am DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum.